Samstag, 20. November 2010

Peinlicher Artikel, da schlecht recherchiert

Normalerweise ist man von der "Presse" besseres gewöhnt. Hier ein Artikel, der offensichtlich von jemandem geschrieben ist, der keine Kinder hat oder zumindest in ihre Erziehung nicht involviert ist:

http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/611991/Kinder-sind-ein-teurer-Spass_Das-200000EuroBaby?_vl_backlink=/home/index.do


Was mir übel aufstößt:
* "In kaum einem anderen Land sind Kinder dem Staat so viel Geld wert. 8,5 Milliarden Euro investieren Bund und Länder derzeit pro Jahr in das finanzielle Wohlergehen von Familien." - na dann ist das Geld wohl falsch verteilt, denn wieso liegen wir dann z.B. bei der Kindergesundheit lt OECD am 27. von 30 Plätzen? (siehe: derstandard: "In einem Ranking der OECD zur Kinder- und Jugendgesundheit kommt Österreich unter 30 Staaten nur auf Platz 27, beim Uno-Kinderhilfswerk Unicef ist es Rang 14 unter 21 Staaten." http://derstandard.at/1263706186658/Kindergesundheit-Alarm-um-die-Gesundheit-der-Kinder-und-Jugendlichen-in-Oesterreich)
* "Der kleine Lukas ist gottlob kerngesund. Trotzdem muss ein Kind gelegentlich zum Arzt. Das kostet nichts, denn jeder Sprössling ist gratis bei seinen Eltern mitversichert – und zwar im Extremfall bis zum 27.Lebensjahr." - dafür bekommt man Kassenärzte. Ich hab 2 ausprobiert und bin mittlerweile so wie alle in meinem Bekanntenkreis bei einer Privatärztin gelandet. Übrigens: die Hälfte der Impfungen werden von der Kasse nicht bezahlt, da wohl offensichtlich Luxus. Ach ja übrigens, wenn das Kind NICHT kerngesund ist und Physio- oder Ergotherapie benötigt (wie angeblich 5%-15% aller Kinder!), dann hat uns das "profil" erst vor ein paar Wochen vorgeführt, wie teuer das sein kann. Wehe dem, der arm ist und ein förderungsbedürftiges Kind hat.
* "Nach Ende des Mutterschutzes entscheiden sich seine Eltern für die einkommensabhängige Variante des Kindergeldes. Gemeinsam können sie vierzehn Monate bei ihrem Sohn bleiben und bekommen 80Prozent des Gehalts. [...] Mit dem Ende dieser Karenzzeit ist Lukas sechzehn Monate alt."- Die 14 Monate beginnen nicht NACH dem Mutterschutz; der Mutterschutz ist Teil der 14 Monate. (abgesehen davon, daß man sich schon VOR Ende der Karenzzeit für eine der Varianten entscheiden und dem Arbeitgeber mitteilen sollte...).
* "Beide Eltern gehen wieder arbeiten und müssen sich nach einer Betreuungsmöglichkeit für ihren Sohn umsehen. Lukas kommt zur Tagesmutter." - na viel Glück beim Finden eines Betreuungsplatzes.
* "Mit Lukas' drittem Geburtstag erhöht sich die Familienbeihilfe auf 125,50Euro. Er geht jetzt in den Kindergarten und kann das, weil er in Wien wohnt, völlig gratis tun. Bis Herbst 2009 hätten seine Eltern dafür noch 226Euro bezahlen müssen." - wenn ich mich recht erinnere, gehen die Eltern im Beispiel beide full-time arbeiten. Dh das Kind muß GANZTAGS in den Kindergarten und der ist NICHT überall gratis. Wer wie wir von den Wiener Kindergärten eine Absage bekommen hat, obwohl wir beide full-time arbeiten (!), aber Gott sei Dank aber einen Privatkindergarten in petto hatte, der uns pro Monat für 8-13h 150EUR kostet, kann hier nur müde lächeln.
* "Im Herbst 2016 wird er sechs Jahre alt sein und in die erste Klasse Volksschule gehen. Für die Allgemeinheit ist auch das kein billiges Vergnügen." - klar, dafür sind wir auch dankbar, aber am Nachmittag versorgt sich der Kleine offensichtlich selbst. Denn daß der Hort (den man wohl braucht, wenn beide Eltern full-time arbeiten), in Wien z.B. 200EUR/Monat kostet, wird hier ganz locker weggelassen.

Ganz ehrlich: solche Studien sollten, anstatt hier billig zu polemisieren, nicht nur vom "best case" ausgehen, sondern auch vom "worst case" (kein Gratiskindergarten, Kosten für Nachmittagsbetreuung etc). Erst dann sieht man eine Range. Vom langfristigen Verdienstentgang für die Familie, wenn einer der beiden Elternteile full-time zuhause bleibt, ganz zu schweigen.

Was ist also der Mehrwert des Artikels? Ja, Kinder kosten Geld. Nicht nur die Eltern, sondern auch den Staat, der aber offensichtlich nicht in der Lage ist, das Geld sinnvoll zu verteilen (denn sonst wäre ja die Geburtenrate höher).

Naja, genug geschimpft, ich muß nun mein 200.000EUR Kind ins Bett bringen.

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