Montag, 1. Juni 2009

Bericht zur Lage der (Wickeltisch-)Nation

Gestern Nachmittag in der Wiener Innenstadt: Eis essend, elegant-locker einhändig den Kinderwagen navigierend. Auf einmal das schon bekannte, sich rasch steigernde Gemecker: eine volle Windel. Ojeoje. Öffentliche Toiletten? Vergiß es. In ein Café oder Restaurant gehen? Dort sind sie meistens total überfordert; in 90% der Fällen gibt es sowieso keinen Wickeltisch. Und falls doch, dann ist er natürlich im Untergeschoß (klarerweise nur auf der Damentoilette, was meinen Mann schon öfter in Verlegenheit gebracht hat). Wieder einmal perfekt durchdacht: wo läßt man währenddessen den (teuren) Kinderwagen? Und wissen die Architekten nicht, dass es der Albtraum jeder Eltern ist, mit dem Kind im Arm eine rutschige Treppe hinunterzugehen? Alternativ ist der Wickeltisch in der Behindertentoilette, die aber so knapp dimensioniert ist, dass entweder das Kind im Kinderwagen ODER der dazugehörige Elternteil hineinpaßt.
Das erinnert mich an unseren Kurztrip in die alte Heimat London: hier gibt es in fast jedem Lokal einen Wickeltisch, entweder in einer Behindertentoilette, die tatsächlich verwendbar ist, oder jeweils in der Damen- UND Herrentoilette. Der ultimative Luxus ist allerdings der sogenannte "parents' room" bei Peter Jones am Sloane Square: ein riesengroßer Wickelraum, in dem bequem drei Kinderwägen Platz haben, mit Stillmöglichkeit, drei Waschbecken, sanfter (nicht blendender) Beleuchtung, Wickelauflagen (auf die man dann seine eigene breiten kann...), Feuchttüchern. Da lacht das Elternherz!

Zum Ausklang noch ein etwas skurriles Erlebnis auf einer Autobahn in Hessen, im Winter:
Klassischerweise 10min, nachdem wir das Haus meiner Schwiegereltern verlassen haben, gibts eine volle Windel. Also zur nächsten Raststation. Draußen schneit's. Unsere Tochter (damals 10 Monate) hat natürlich im Auto keinen Mantel an oder eine Haube auf. Das heißt, so schnell wie möglich zur Raststation hechten, das Kind unterm Arm. Die Toiletten sind - richtig geraten: im Untergeschoß. Abgeschlossen.
Das heißt, wieder hinauf und nach links in den Schankraum hinein.
Entschuldigung, ich bräuchte bitte den Schlüssel für den Wickelraum.
Da müsse Se zu dä Danggstelle gehe, wir ham dafür kaine Schlüssel!
Ungläubiges Kopfschütteln. Also raus in den Schnee, ums Eck zur Tankstelle. Das Baby unterm Arm wird immer unruhiger. Hoffentlich falle ich nicht hin im Schnee.
Entschuldigung, ich bräuchte bitte dringend den Schlüssel für den Wickelraum.
Den ham wir nedd. Da müsse Se zum Restaurangg gehe.
Von dort komm ich gerade, die haben mir gesagt, ich soll zur Tankstelle gehen.
Du Gündder, habbe wir den Schlüssel von de Wigglraum?
Isch glaub nedd, aber isch schau mal...
Kramt selenruhig im Schlüsselkörbchen, philosophiert über den Verwendungszweck einzelner Schlüssel, während ich versuche, mein Kind halbwegs ruhig zu halten, damit es mir nicht aus den Armen fällt. Schau, ein Motoröl, ist das nicht interessant?
Ah da is er, du schau mal, wir habbe wirglisch de Schlüssel gehabt...
Juhu, endlich.
So, jetzt brausch isch vo Ihne nur noch aine Ausweis, damidd isch Ihne de Schlüssel gebbe kann!
Daraufhin hab ich ihm vorgeführt, dass nicht alle Österreicherinnen charmant sind.

1 Kommentar:

  1. Hallo Christine,somit hat der nette Herr von der "Danggstelle" Erfahrung mit Deiner beliebten Methode des "Kopf-Abbeissens" gemacht? ;-)

    Gratuliere zu Deinem neuen "Baby", freut mich, dass ich den ersten Kommentar verfassen darf! Alles Liebe, Karin

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